1. April 2012

Lyrikaufschlag
Heiratsannonce


Ich stelle keine Ansprüche! 
Nett sollte sie sein.
Keine Allergien haben.
Bitte mehr als nur ein Bein!

Ich stelle keine Ansprüche!
Röcke sollt’ sie tragen.
Und keinen Wunsch hegen nach
degenerierten Mörderblagen.

Ich stelle keine Ansprüche!
Ich steh‘ auf Blond-wie-Marilyn.
Vielleicht könnte sie sie färben?
Denn nur dann schmelz‘ ich dahin!

Ich stelle keine Ansprüche!
In ihren Kopf gehört viel Grips!
Jahreszeitenunabhängig sollt‘ sie
schön sein, auch mit Gips.

Ich stelle keine Ansprüche!
Hauptsache, gut gebaut!
Und im Bett? Sehr gerne lustig,
richtig derb und auch versaut!

Ich stell‘ gar keine Ansprüche!
Im Wesen sei sie zart!
Und, bitte noch, ganz wichtig:
Ich mag keinen Damenbart!


André Hagel 
© 2012

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24. November 2010

Migration & Integration 
Wir haben keine Klimaanlage 
Warum die Integrationsdebatte Charakteristika einer Vorabendserie aufweist – und warum man dem nichts abgewinnen können muß 

Von Selim Özdogan


Inzwischen hat der Schriftsteller Selim Özdogan keine Lust mehr, sich zu Fragen der Integration in Deutschland zu äußern. Warum nicht und warum seiner Auffassung nach diese Debatte in die falsche Richtung läuft, legt er in seinem Gastbeitrag für KulturKombinat dar.


Es gibt diese Geschichte über einen Gast im Restaurant, der den Kellner bittet, die Klimaanlage niedriger einzustellen, ihm sei warm. Wenig später bittet er ihn, sie wieder höherzustellen, ihm sei nun kalt. Dann wieder höher, dann wieder niedriger, höher, niedriger, höher. Jedesmal verläßt der Kellner den Tisch mit einem angedeuteten Nicken. Ein anderer Gast, der dies beobachtet, fragt den Kellner, ob er nicht verärgert sei, und der Kellner beugt sich etwas vor und sagt leise: „Wir haben gar keine Klimaanlage.“

Menschen haben Meinungen. Fundierte oder weniger fundierte, begründete und unbegründbare, abstruse, absonderliche, einleuchtende, verwirrende, zwingend logisch erscheinende, völlig hanebüchene oder auch menschenverachtende. Und das ist gut so. In einem Land, in dem man gerne mit dem Finger auf Länder mit eingeschränkter Meinungsfreiheit zeigt, sollte man zu allem eine Meinung haben dürfen, auch zu Türken und Arabern. Und Juden. Zur Integration, zur multikulturellen Gesellschaft, zu Ein-, Aus- und Zuwanderung. 

Mit verstörender Regelmäßigkeit werde auch ich nach meiner Meinung zu letzteren Themen befragt. Als hätte meine Meinung Kraft meines Berufs und meines Namens irgendetwas, wodurch sie schwerer wiegt als andere Meinungen. 

Jahrelang war ich sehr zwiegespalten. Ich hatte eine Meinung, ja, aber mir leuchtete nicht ein, daß ich immer nur zu denselben Themen befragt wurde, egal, was ich sonst schrieb und womit ich mich offensichtlich beschäftigte. Ich hatte eine Meinung, aber ich wollte kein Sklave von Integrationsthemen werden, nicht aus meiner Nationaltiät einen Broterwerb machen oder als Fürsprecher für eine Gruppe gelten. 

Dennoch schrieb ich meine Meinung. Hier und dort sind im Laufe der letzten 15 Jahre Artikel erschienen, die meine Sicht der Dinge spiegeln.

Es langweilt mich mittlerweile. Meine eigene Meinung langweilt mich genauso wie die Debatte. Natürlich gibt es irgendjemanden, der etwas Negatives zum Thema der Integration beizutragen hat. Natürlich wird mit harmlos klingenden Worten wie „Parallelgesellschaft“ und „Migrationshintergrund“ operiert. Ebenso natürlich findet sich jemand, gerne mit ausländisch klingendem Namen, der im Gegenzug etwas Positives zu sagen hat. Oder argumentativ den Behauptungen der Gegenseiten widerspricht. Oder es werden stolz Beispiele für gelungene Interpretation präsentiert. In seltenen Fällen arbeitet die eine oder andere Seite sogar mit Fakten oder belegbaren Zahlen. In ganz seltenen Fällen. 

Im Laufe der Jahre sind einige neue Begriffe eingeführt worden, doch sich politisch korrekt ausdrücken zu können, bedeutet nicht unbedingt recht zu haben. Ich bin unterwegs vom Türken zum Moslem mutiert worden, doch insgesamt hat sich nicht viel geändert. Die Debatte weist Charakteristika einer Vorabendserie auf, jeden Tag scheint etwas zu geschehen, aber es geht einfach nicht vorwärts.

Welches Interesse könnte ich also haben, meinen Standpunkt wieder und wieder darzulegen? In einem Spiel, das so viele Überraschungen bietet wie eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht und mitunter unfreiwillig so komödiantische Züge annimmt wie eine Scharade mit Menschen, denen es offensichtlich an motorischer Intelligenz mangelt. 

Möglicherweise sind es andere Fragen, die sich stellen. Warum genau nehmen bestimmte Meinungen oder Absichten so viel Raum in den Medien ein? Wieso kann ein Mann mit seiner Meinung wochenlang in den Nachrichten auftauchen? Wie kann man ihn Provokateur nennen und gleichzeitig auf diese Provokationen eingehen? Hat die Empörung nicht etwas unglaublich Scheinheiliges? Wenn man empört ist, hätte man den Auslöser der momentanen Debatte einfach mit Nichtachtung strafen können, anstatt ihm immer mehr und mehr Aufmerksamkeit zu schenken. 

Es wäre ebenso scheinheilig zu behaupten, es sollte auf gewisse Gefahren hingewiesen werden. Denn diese entstehen ja auch dadurch, daß eine Meinung so viel Raum einnimmt, daß sie mehrheitsfähig wirkt. Medien bilden nicht Realität ab, sie generieren sie. 

Nehmen wir ein Bespiel, das in diesem Land nicht ganz so emotional aufgeladen ist: Der amerikanische Pfarrer Terry Jones hatte angekündigt, dieses Jahr zum 11.September Korane verbrennen zu wollen, und allen war es eine Nachricht wert. Bereits 2008 hatte die Westboro Baptist Church, der Terry Jones nicht angehört, Korane verbrannt. Kaum jemand hat darüber berichtet.

Was eine Nachricht wert ist und was nicht, liegt nicht in der Sache begründet, sondern ist eine Folge von Entscheidungen. Doch Medien hinterfragen nie öffentlich ihre Rolle bei diesen Entscheidungen und ihren Beitrag zur Schöpfung von Realitäten, die es ohne sie so nicht geben würde. 

Man lehnt einfach die Verantwortung ab, die man hat, und tut so, als sei man nur ein neutraler Beobachter der Geschehnisse. 

Wäre ich Anhänger von Verschwörungstheorien, hätte ich auch dazu eine Meinung, aber das bin ich nicht. 

Mich beschleicht nur die Ahnung, daß über die falschen Dinge diskutiert wird, daß diese Debatten etwas verbergen, das eigentlich viel tiefer sitzt. Vielleicht hat es etwas mit Popularität zu tun, mit Wählerstimmen, mit Ängsten, mit Demagogie, mit Erschaffung von Realitäten, aber sicherlich nicht in erster Linie mit gelungener oder gescheiterter Integration. 

Ich möchte gar nicht so weit gehen und behaupten, auch in diesem Fall gäbe es wie in der eingangs erwähnten Geschichte keine Klimaanlage, aber ich möchte mich nicht an einer Diskussion beteiligen, in der es darum geht, ob einem zu kalt oder zu warm ist. 

Sollten wir irgendwann anfangen über die Klimaanlage zu reden, was sie ist, was sie soll, wie sie funktioniert, dann wäre ich möglicherweise dabei. Ich wäre dabei, sollten wir nicht nur öffentlich Meinungen austauschen, sondern versuchen, herauszufinden, warum sich bestimmte Meinungen besser vermarkten lassen als andere. Ich wäre nicht so gelangweilt, sollten wir uns nicht mit Forderungen auseinandersetzen, die schon deshalb hohl sind, weil sie sich mit dem Grundgesetz nicht vereinbaren lassen, sondern uns tatsächlich mit Inhalten auseinandersetzen. Ich hätte das Gefühl von Veränderung, sollten wir nicht die realitätverändernde Macht der Verbreitung ignorieren, sondern die Rolle der Medien mitdiskutieren, und sollten diese Medien ihre eigene Verantwortung thematisieren. Wenn all dies eintritt, könnte es gut sein, daß mir die Dinge nicht mehr so erscheinen, als würden wir in einer Seifenoper stecken, in der wir versuchen, Vogelscheiße aus Kuckucksuhren zu entfernen. Doch bis dahin spare ich es mir, zu diesem Dickicht der Meinungen noch eine weitere hinzuzufügen. 


Selim Özdogan, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller und lebt in Köln. 1995 sorgte sein Debütroman „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ für Aufsehen – im Bundestag wurde der Romantitel von Guido Westerwelle zitiert. Seitdem hat Özdogan zehn weitere Buchtitel veröffentlicht, darunter die bemerkenswerten Romane „Nirgendwo & Hormone“, „Mehr“ und „Die Tochter des Schmieds“. In diesem Jahr ist aus seiner Feder der Kurzgeschichtenband „Ein Glas Blut“ erschienen. Selim Özdogan im Internet: www.selimoezdogan.de. 


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25. August 2010


INTERVIEW
„Zuende gedachter Irrsinn“
Mit Phantasie gegen Kollektivhorror: Ein Interview mit Christian Polanšek


Bertolt
Brecht hatte nichts gegen Kollektivismus. Andere Künstler, die sich gleichmacherischen Ideologien verschrieben, ebensowenig. Doch in der absoluten Gleichtrimmung geht letztlich nicht nur jede echte Kunst verloren, sondern auch der Mensch… Der Grazer Maler Christian Polanšek hat in seinem Romandebüt „Die Reise nach Kastanien“ dem Ort der totalen Gleichschaltung des Individuums einen Namen gegeben. In einer unterhaltsamen Mischung aus utopischer Erzählung mit Science-fiction-Elementen, Agentenstory und zeitkritischer Satire bricht der Österreicher eine Lanze für menschliche Würde und befreiende Individualität. KulturKombinat hat mit Christian Polanšek über seinen Ausflug in die Literatur gesprochen – und stellte hierbei schnell fest, daß der Künstler nicht scharf auf ein Visum für Kastanien ist.

Mal ehrlich: Würden Sie freiwillig einen Fuß in ein Land wie Kastanien setzen?

Christian Polanšek: Niemals! Ich würde wahnsinnig werden. Stellen Sie sich vor, Sie müßten als Künstler in einem Land leben, in welchem es nur die Farbe Silbergrau gibt! Alles ist gut gemeint, aber in Wirklichkeit werden einem alle Freiheiten, die das Leben erträglich machen, genommen. Dort will ich niemals hin. Da bleibe ich lieber daheim und mach mir eine schöne Zeit.

Ist das von Ihnen in Ihrem Roman „Die Reise nach Kastanien“ beschriebene Phantasieland Kastanien bloß Karikatur geistiger Einöde – oder schon, bei aller Überzeichnung, reales Menetekel totaler Gleichschaltung von Menschen?

Polanšek: Kastanien ist für mich der zuende gedachte Irrsinn staatlicher Gleichmacherei. Ich versuchte, konsequent die Auswirkungen bestimmter Vorschriften auf das gemeinsame Leben zu Ende zu denken. Eine konfliktfreie Gesellschaft birgt die große Gefahr des Stehenbleibens in sich. Ohne Spannungen fehlt dem gemeinsamen Zusammenleben jede Spannung. Eine gesunde Gesellschaft braucht den Widerspruch, die Auflehnung der Jugend. In Kastanien wird der Jugend jeglicher Protest genommen. Es sind ja alle sediert. Wie soll sich so eine Gesellschaft weiterentwickeln?

Auf deutsche Leser wirkt Ihr Kastanien in Teilen wie eine ins Absurde überzogene und ins Reich der Phantasie verlagerte Skizzierung der verblichenen DDR. Zufall?

Polanšek: Ich war als Jugendlicher mehrmals in der DDR. Für mich waren diese Besuche prägend, und sie haben sicherlich ihre Spuren im Roman hinterlassen. Die fast unüberwindbare Grenze bleibt als Bild in mir noch immer erhalten. Leider war der Fall der Mauer in Deutschland nicht das Ende von zwischenstaatlichen totalen Grenzen. Denken Sie an den Kaukasus und an den Nahen Osten. Staaten, welche sich mit Mauern eingrenzen, um sich vor Angriffen zu schützen, gibt es wahrscheinlich schon, seit es Menschen gibt. Denken Sie an die chinesische Mauer. Für Feinde schwer überwindbare Grenzen erschweren auch den interkulturellen Austausch und verlangsamen damit den gesellschaftlichen Fortschritt. Staatliche Zensur kann allerdings ebenfalls eine solche kulturell bremsende Mauer darstellen, auch im Zeitalter des Internet.

„Eine gesunde Gesellschaft braucht den Widerspruch, die Auflehnung der Jugend: Christian Polanšek Foto: Vehling-Verlag

Kurt Remscheid, der Held Ihres Romans, muß eine Menge aushalten. Er wird von einem mysteriösen Blitz getroffen, zum Versuchskaninchen gemacht, muß auf Sexzuteilungen warten – erst am Ende findet er sein persönliches Happy-End. Haben Sie ein Faible für tragikomische Helden?

Polanšek: Das Leben birgt sehr viel Tragisches in sich. Ohne Humor wäre es daher unerträglich. Warum sollen meine Helden nicht daran teilhaben? Kurt Remscheid ist der männliche Held, und Judit Plank ist die Heldin. Beide verlieben sich in einander. Romane ohne Liebesszenen sind doch fad. Das wenige, was ich an ehemaliger Ostliteratur las, fand immer ohne jegliche Liebesgeschichten statt. Es war zwar meist verschlüsselt gesellschaftskritisch angelegt, aber immer ohne saftiges verschiedengeschlechtliches Mit- und Durcheinander. Das wollte ich meinen Lesern ersparen. Und um was geht es im Leben? Ich meine: um Liebe, Macht, Geld und den Tod.

Bei allem subtilen Witz von „Die Reise nach Kastanien“ glänzt Ihr Roman allerdings nicht zuletzt auch durch seine starke Science-fiction-Prägung. Sind Sie Science-fiction-affin?

Polanšek: Ich möchte meinen Roman als utopisches Werk sehen. Die Science-fiction in der Handlung ist eine Notwendigkeit, damit der Handlungsablauf im Roman überhaupt funktioniert. Würde der Roman im Heute und Jetzt stattfinden, so würde er kaum Spielraum zur freien Interpretation zulassen, darum wurde er in eine andere Welt verlegt. In einer utopischen Umgebung ist viel mehr Erzählraum möglich. Die sogenannte Realität verändert sich ständig und wird täglich medial neu beschriebenen. In einer utopischen Welt kann man die Zeit anhalten und verschiedene Modelle zu Ende denken und spielen. Die Grenzen bei einem utopischen oder einem Science-fiction-Roman muß man selbst definieren. Man hat alle Freiheiten, daher muß man selbst erahnen und definieren, wo bei den Geschichten eine Grenze zu ziehen ist.

Was reizt Sie an Science-fiction?

Polanšek: Die unendliche Möglichkeit an Möglichkeiten.

Interview: André Hagel

Lesen Sie zu Christian Polanšeks „Die Reise nach Kastanien“ auch die nachfolgende Rezension!



Utopie in Silbergrau
Unterhaltsamer Trip: „Die Reise nach Kastanien“

Utopische Stoffe haben derzeit nicht gerade literarische Hochkonjunktur. Vielleicht grundsätzlich, weil wir in den vergangenen knapp 100 Jahren haben lernen müssen, daß am Ende so mancher vermeintlich menschheitsbeglückenden Utopie der Kerker steht, das Lager und die brutale Beseitigung derjenigen, welche der Utopienverwirklichung im Wege stehen. Vielleicht, weil so vieles, was früher als utopisch, gar phantastisch galt, sich inzwischen längst in der Realität eingestellt hat. Da gehen auch den Literatur schaffenden Phantasiearbeitern auf Dauer die Geschichten aus. Außerdem: Die Zeiten sind momentan nicht danach, mit der Hand über die Wolken zu greifen, seinen Pfeil weit fliegen zu lassen, in Reiche jenseits geerdeter Realität. Die gravierenden Zeit-Probleme halten uns im Hier und Jetzt gefangen.

Der österreichische Maler und Autor Christian Polanšek hält es etwas anders mit den Dingen. Er greift für seinen jetzt in einem kleinen Grazer Verlag erschienenen Romanerstling „Die Reise nach Kastanien“ weit über die Jetztzeit hinaus, erschafft einen phantastischen Weltentwurf, der allerdings, was den Grad seiner Vertracktheiten angeht, alles andere als ohne ist: In dem Staat Kastanien ist das Ideal der Perfektion verwirklicht. So zumindest sehen es jene, die dieses Monstrum zur Aufhebung aller menschlichen Unvollkommenheiten führen. Nicht zuletzt den Neid haben die Gründerväter Kastaniens ausgeschaltet, indem sie alles vereinheitlichten: Von Häusern bis hin zu den Toiletten ist alles quadratisch gestaltet. Selbst den Kindern stülpen die Kastanier würfelförmige Metallschachteln über den Kopf, um das Schönheitsideal des Landes, den Quadratschädel, zu erreichen. Die Musik wurde auf den Kammerton A gleichgetrimmt, zur Einheitsfarbe im Einheitsstaat RAL 7001 Silbergrau bestimmt, und weil keine echte Menschenbeglückung ohne eine neue Zeitrechnung auskommt, hat man gleich auch noch neue Zeittakte eingeführt. Bei Laune und Tatkraft gehalten werden die Einheitsmenschen Kastaniens, durch die gegen jede Natur gerichtete Zeitrevolution in einen Dauerjetlag gestoßen, mittels einer Impulsgebertablette, deren Wirkstoff der Kollektivnahrung, einem silbergrauen Haferschleim, beigemischt wird.

So weit, so schlecht, so hoffnungslos? Mitnichten. Denn eines Tages wird Kurt Remscheid, ein bislang völlig unbehelligt vor sich hin lebender Bürger des Nachbarstaates Karkumistan, bei einer Wanderung an der Grenze von einem mysteriösen Blitz getroffen, der aus einem Kastanien umgebenden, silbergrauen Mineralstaub-Schutzschirm schießt. Durch das Unglück in die Lage versetzt, in seinem Kopf die Tätigkeiten und wahren Gefühle der Menschen im abgeschotteten Nachbarland mitzuerleben, wird der solcherart stark Gebeutelte bald auch für den Geheimdienst seines Landes interessant. Denn der befasst sich nicht nur mit der Erkundung des geheimnisvollen Kastaniens, sondern will mit der Unterstützung Kurts alles daran setzen, das menschen- und lebensfeindliche Regime in Kastanien zu Fall zu bringen…

Utopischer Roman, Science-fiction, eine Parabel auf zwangsnivellierende Systeme wie die verblichene DDR, Agentenstory mit hormonbetontem James-Bond-Happy-End – Christian Polanšeks „Die Reise nach Kastanien“ ist vieles auf einmal. Subtiler Witz und ein feiner Sinn für Skurrilitäten setzen hierbei immer wieder Farbtupfer im kastanischen Einheitssilbergrau. Und mit der Ausgestaltung seiner Romanidee setzt sich Polanšek durchaus in eine Reihe mit frühen deutschsprachigen Phantastik-Autoren wie Alexander Moritz Frey, dem Schöpfer von „Solneman der Unsichtbare“.

„Die Reise nach Kastanien“ ist ein so austriakisch-launiges wie unterhaltsames Plädoyer für die Buntheit des Lebens – und gegen totalitäre Vereinheitlichungphantasien, nicht nur in RAL 7001 Silbergrau. hag

Christian Polanšek: „Die Reise nach Kastanien“, 101 Seiten, Paperback, Vehling

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14. August 2010

INTERVIEW 
„Wenn ich keine Utopien mehr habe, bin ich tot“
Leben neben der Zeit: Ein Interview mit Peter Sodann

Als TV-Kommissar ein sächsischer Maigret, als Mensch eine ehrliche Haut: Schauspieler Peter Sodann beim Fototermin fürs Interview Foto: Rudi Schubert/Schubert Fotografie Ladbergen

Am Schluß von „Keine halben Sachen“, Ihren Erinnerungen, schreiben Sie: „Ich bin noch nicht fertig mit der Welt.“ Sie scheinen noch über ein gehöriges Zornpotenzial zu verfügen.

Peter Sodann: Das bedeutet es, hundertprozentig.

Sie haben eine starke politische Ader. In „Keine halben Sachen“ kommt dieser Aspekt eher dezent zum Tragen…

Sodann: Nicht dezent. Vielleicht eher in einer heiteren Weise. Denn es hat ja keinen Sinn, immer über politische Dinge zu streiten. Ich versuche mich da lieber in Heiterkeit. Es war, glaube ich, Friedrich Dürrenmatt, der einmal gesagt hat, man könne die jetzige Welt nur noch heiter betrachten, sonst komme man mit ihr nicht klar. In meinem Alter muß man so weit sein, die Wahrheit sagen, aber auch ganz laut über die herrschende Dummheit lachen zu können.

Sie zitieren in Ihren Erinnerungen Georg Christoph Lichtenberg: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ Das klingt nicht mehr bloß heiter. Da drängt vielmehr etwas nach Veränderung.

Sodann: Ändern müßte sich vieles, nicht nur in unserem Land – die Grundlage menschlichen Zusammenlebens nämlich. Denis Diderot hat zum Beispiel folgenden Grundsatz aufgestellt: „Das Land gehört niemandem und die Früchte allen.“ Dieser Satz gehört meiner Meinung nach ins Grundgesetz.

Es hätten sicherlich Menschen, denen Land gehört, etwas dagegen.

Sodann: Na ja, ich will es ihnen ja nicht unbedingt wegnehmen. Diderots Regel bedeutet für mich nicht, daß wir alle Landbesitzer oder auch Fabrikbesitzer enteignen. Das wäre Quatsch. Das funktioniert nicht. Es kann auch nicht sein, daß man ohne das deutsche Volk zu fragen zum Beispiel die Eisenbahn privatisieren will – und privatisieren heißt doch letzten Endes verkaufen. Woher nehmen die Politiker für sich eigentlich das Recht, das zu tun? Weil sie gewählt worden sind?

Sie gehören zu einer Generation vaterloser Kinder. Ihr Vater ist 1944 gefallen. Sie waren damals acht Jahre alt. Wie weit, glauben Sie, hat dieses Leck in Ihrer Familie Sie geprägt?

Sodann: Der frühe Verlust meines Vaters hat mich sehr geprägt. Ein Beispiel dafür: Ich habe nach dem Krieg alle zurückgekehrten Männer, die ich traf, gefragt, ob sie als Soldat jemanden umgebracht haben. In meinen Erinnerungen habe ich eine kleine Zahl von Männern genannt, weil ich nicht damit angeben wollte – aber ich habe tatsächlich mindestens 500 gefragt. Das Ergebnis: Keiner von ihnen hatte einen umgebracht. Nur ein einziger hat zugegeben, getötet zu haben. Keiner hatte getötet. Man konnte beinahe denken, der Zweite Weltkrieg hätte gar nicht stattgefunden. Es waren immer nur die anderen – die Russen, die Amerikaner, die Engländer –, die deutsche Soldaten umgebracht hatten. Irgendjemand mußte schließlich meinen Vater getötet haben.

Glauben Sie, daß Ihr Vater, wäre er lebend heimgekehrt, Ihnen in dieser Hinsicht die Wahrheit gesagt hätte? Oder hätte nicht auch hier eher Schweigen geherrscht?

Sodann: Nun ja, in der DDR gab es früher einen Witz, in dem der Enkel seinen Großvater fragt, ob dieser auch bei den Nazis gewesen sei. Der Großvater antwortet: „Nee, was denkst denn du? Ich war doch nicht bei den Nazis!“ Sagt der Enkel: „Ich habe aber ein Foto von dir gefunden, auf dem du den rechten Arm hochreckst.“ Darauf der Großvater: „Aber da habe ich doch nicht ,Heil Hitler!’ gerufen, sondern ,Moment mal!’“ Dieser Witz hat schon einen wahren Kern. Ob ich also glaube, daß mein Vater mir die Wahrheit gesagt hätte? (denkt nach) Das kann ich zumindest nicht mit Bestimmtheit behaupten. Andererseits: Ich wußte von meinem Vater, daß es im Dritten Reich Verhältnisse gab, die ihm nicht paßten. Daß man sich Zwangsarbeiter hielt, zum Beispiel. Dahingehend war er sehr eindeutig.

Der Mensch wird immer in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort gesetzt. Er muß dann schauen, wie er in diesem Umfeld und in dieser Zeit zurechtkommt. Ihr geographisches und zeitliches Umfeld war im Wesentlichen die DDR. Sie haben die DDR einmal ein Experiment genannt, ein Experiment, an dem Sie teilnehmen wollten. Kam dieses Mitmachenwollen eher aus dem Bauch oder aus einer persönlichen Einsicht heraus?

Sodann: Das kam schon aus einer Einsicht heraus. Die offizielle Vorgabe in der DDR lautete seinerzeit: Wir müssen das Bildungsprivileg der bisher herrschenden Klasse brechen. Damit war ich als junger Mensch einverstanden. Ich komme ja von ganz unten, aus einer Arbeiterfamilie. Und wenn Ihnen der Staat trotz einer solchen Herkunft die Möglichkeit gibt, einen ordentlichen Beruf zu erlernen, das Abitur nachzumachen und problemlos zu studieren – also das wahrzumachen, was Sie sich erträumt haben –, dann halte ich es für wert, daß man sich an einer solchen Gesellschaft beteiligt. Denn es kann doch nicht sein, daß der Sohn eines Doktors studieren kann und der, der von unten kommt, ausgegliedert wird – eine Richtung, in die es sich heute in Deutschland wieder neigt.

Den einen stand in der DDR der Bildungsweg und damit der Weg nach oben offen. Andere aber wieder wurden draußen gehalten, der Aufstieg wurde ihnen verwehrt.

Sodann: Ich weiß, viele berichten, sie hätten große Schwierigkeiten gehabt, in der DDR zu studieren, weil sie der Kirche nahestanden oder aus anderen Gründen. Wenn ich mir aber einige dieser Leute betrachte, dann frage ich mich immer: Wo haben die denn ihren Doktor gemacht? Die müssen ja zu DDR-Zeiten in Indochina oder sonst irgendwo gelandet sein und dort ihren Doktortitel bekommen haben.

Das Leipziger Studentenkabarett „Rat der Spötter“, welches Sie gemeinsam mit Kommilitonen aufgezogen haben, war ein eher eigenwilliger Beitrag zum Aufbau der DDR. Sie sind 1961 damit allerdings auch voll gegen die Wand gelaufen: Sie bekamen handfeste Probleme mit der Staatsgewalt, und schnell stand der Vorwurf im Raum, Sie seien ein „Konterrevolutionär“ – in der DDR in jenen Jahren so etwas wie ein politisches und berufliches Todesurteil.

Sodann:Das war es wirklich: ein Todesurteil.

Warum hat der Staatsapparat der DDR damals alle Register gezogen, um ausgerechnet eine so kleine Truppe wie den „Rat der Spötter“ fertigzumachen?

Sodann: Das hing mit der damaligen Politik und dem Mauerbau zusammen. Man ging davon aus, daß sich nach dem Bau der Berliner Mauer an den Universitäten in der DDR irgendetwas regen könnte. Etwas, das in der damaligen Lage für Ulbricht nicht günstig gewesen wäre. Es war dann auch tatsächlich ein Hinweis Ulbrichts, der mit dazu führte, daß man uns einsperrte: „Bei euch herrscht wohl ideologische Windstille?“ Eine solche wollte man auf gar keinen Fall an den Universitäten – also hat man einfach irgendwelche Personen benutzt, um zu beweisen, daß an der eigenen Uni keine ideologische Windstille herrschte.

Die staatliche Strafaktion gegen den „Rat der Spötter“ bedeutete für Sie konkret zermürbende Verhöre, menschliche Erniedrigungen und Isolierung in Einzelhaft. Wie bewahrt man in einer solchen Situation seine Würde?

Sodann: (denkt nach) Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ich bin unter der Maßgabe erzogen worden, Kritik und Selbstkritik zu üben. Heißt: Wenn einem die Genossen sagen, daß man dieses und jenes falsch gemacht hat, dann denkt man erst einmal über sich selbst nach. Das habe auch ich getan. Bei mir ist es aber offenbar eine genetische Veranlagung, daß ich immer einfach denke. Einfach auch in dem Sinne, daß ich versuche herauszubekommen, wer recht hat. Ich stellte mir also die Frage, wer in dieser Sache wohl recht habe? Ich zweifelte an mir selbst. Hatte ich vielleicht doch die Partei verraten? Oder die Idee? Wenn man über so etwas nachdenken will, dann dauert das. Dahingehend könnte man sagen, daß meine eigentliche Universität der Knast war. Ich habe lange und gründlich nachgedacht. Genau genommen hat mir Ulbricht dazu verholfen, noch einmal neu über die Deutsche Demokratische Republik nachzudenken. (lacht) Ich kam durch ein ziemlich einfaches Beispiel darauf, daß ich recht hatte und nicht der Staat und seine Vertreter. Daß ich feststellte, daß ich recht hatte, verlieh mir… nun ja, vielleicht nicht unbedingt Mut, aber doch zumindest die Gewissheit, daß hier etwas grundsätzlich nicht stimmte.

Was hat Ihren Knoten gelöst?

Sodann: Ich hatte mich noch vor meiner Inhaftierung freiwillig gemeldet, nach Kuba zu gehen und das Land gegen die Amerikaner zu verteidigen. Das hätte, wie mir damals klar war, auch bedeuten können, in Kuba den Tod zu finden. Ich stellte mir in meiner Zelle schließlich die Frage: Hat der Stasi-Offizier, der mich ständig vernahm, oder haben Scharfmacher wie der Leipziger SED-Chef Paul Fröhlich sich bereit erklärt, nach Kuba zu gehen und dort zu kämpfen? Die Antwort war recht einfach: Sie alle hatten es nicht. Man mag nun sagen: Die Bereitschaft, sich nach Kuba zu melden, war eben vielleicht eher typisch für den jungen Heißsporn Peter Sodann und wäre für andere weniger typisch gewesen. Aber: Ich hatte es getan – die anderen nicht. Ich wollte den Sozialismus mit der Waffe in der Hand verteidigen – die anderen nicht. Als ich diese Gedanken durchgearbeitet hatte, kam ich für mich zu dem Schluss: Peter, wahrscheinlich hast du mehr recht als die. Danach ging es leichter. Wenn man einen solchen Punkt erreicht hat, erträgt man einige Dinge besser.

Das Prinzip der Selbstkritik, das Sie eben erwähnt haben, ist typisch für die sozialistische Bewegung. Es wurde in der Geschichte immer wieder dazu benutzt, innerparteiliche Gegenpositionen an den Rand zu drängen und ihre Vertreter letztlich fertigzumachen.

Sodann: Nun ja, dieses Prinzip gibt es auch in anderen politischen Strömungen. Schauen Sie nur einmal nach Wildbad Kreuth, wo sich die CSU in jedem Jahr zur Klausur trifft. Bei denen kommt doch am Ende auch immer etwas in der Art heraus: „Genossen (lacht) – nun ja, die CSUler nennen sich vielleicht eher Parteifreunde oder etwas in der Art – also, liebe Freunde, wir müssen uns über Sachfragen unterhalten und dürfen uns nicht immer streiten!“

So etwas ist aber doch nun wirklich Selbstkritik light!

Sodann: Das ist im Grunde nicht einmal Selbstkritik light, sondern nur für die Öffentlichkeit gemacht und sowas von flach. Aber so etwas dient zur Milderung der Atmosphäre. Es gibt hierbei immer Klimafragen, wie ich es nenne. Da muß man sich dann plötzlich über bestimmte Dinge nicht mehr unterhalten. Das Ziel, das hinter dem allen steht, ist die Geschlossenheit der Partei. Also, so unterschiedlich ist es am Ende nicht. Höchstens in der einen Partei flacher als in einer anderen.

Wenn man von der Staatsmacht unschuldigerweise ins Visier genommen und bedrängt wird, kann man mit dem Staat abschließen, das System zu seinem Gegner erklären. Ein Schritt, den in der DDR durchaus viele vollzogen haben, als der SED-Staat sie in die Mühle nahm. In Ihrem Buch kommt, was entsprechende Schilderungen angeht, etwas ganz anderes zum Tragen: Sie hatten auch später immer wieder und trotz allem den Wunsch, dazuzugehören.

Sodann: Das stimmt so nicht. Meine Haltung zur DDR hatte mit einem Wunsch, unbedingt dazuzugehören, nichts zu tun. Sie hatte vielmehr etwas mit Wahrheit zu tun: Wenn man eine Wahrheit erkannt hat, muß man ihr folgen.

Die SED nahm ihrerseits für sich in Anspruch, die Wahrheit dogmatisch festzurren zu können. Wer auch nur teilweise anderer Auffassungen war, galt schnell als „Gegner“.

Sodann: Ich habe meine Kritik in und an der DDR nie als Gegnerschaft gesehen. Nur: Wenn ich weiß, das und das ist blöde, warum soll ich mich dann an das Blöde halten? Das geht nicht. Ich muß dann etwas anderes machen.

Daran haben sich in der DDR nicht wenige die Köpfe eingerannt und mitunter dem Staat resigniert den Rücken gekehrt.

Sodann: Eine meiner Lebensregeln lautet, Wohl zu tun, wo man kann. Das bedeutet für mich: Ich darf mich nicht aufgeben, darf nicht einfach in die Emigration gehen oder etwas in der Art. Ich muß stattdessen weiter am Leben teilnehmen. Für mich ist bei all dem immer wichtig gewesen, die Wahrheit auch vor dem Throne nicht zu verleugnen. Das ist eine der schwierigsten Bedingungen, unter denen man handeln kann. Ich habe in der Befolgung dieser Regel in der DDR die seltsamsten Erfahrungen gemacht: Ich war schon als junger Mensch gefallen – und erhielt später trotzdem den Nationalpreis der DDR. Eigentlich ein Wunder. Was das angeht, herrschte in der DDR-Gesellschaft ein echtes Durcheinander. Man kann sich das aber relativ einfach erklären: Die Staatsführung wollte sich mit Menschen umgeben, die bei den anderen, bei den Untertanen anerkannt waren.

Wenn ich weiß, das und das ist blöde, warum soll ich mich dann an das Blöde halten?: Peter Sodann ist und bleibt ein nachdenklicher Querkopf. Foto: Rudi Schubert/Schubert Fotografie Ladbergen

Konnte man eine solche offizielle Preisverleihung dazu nutzen, sich selbst zu positionieren, Dinge anzumerken, die in diesem Rahmen anders als sonst von den Mächtigen wahrgenommen wurden?

Sodann: Als mir der Nationalpreis der DDR verliehen wurde, wollte ich eigentlich tatsächlich etwas sagen. Ich habe mir dann aber gedacht: Wenn du jetzt was sagst, dann erreichst du gar nichts. Man kann nicht immer nur wahrheitsgemäß handeln oder immer nur auf Protest machen. Zur Wendezeit haben einige, die den Nationalpreis bekommen haben, ihre Auszeichnung zurückgegeben. Um im nachhinein Protest zu äußern. Um zu zeigen, daß sie mit dem SED-Staat eigentlich nie einverstanden gewesen waren. Vielleicht wollten sie sich auch einfach nur in das neue System einschleimen. Interessant hierbei: Alle, die ihren Nationalpreis zurückgegeben haben, gaben zwar die Auszeichnung an sich zurück – nicht aber das Geld, das damit verbunden gewesen war. Ich habe mir gedacht: Da behalte ich lieber den Nationalpreis, dann ist das wenigstens eine ganze Sache. (lacht) Man muß es heiter sehen.

Mitte der 80er Jahre wurde in der DDR der Kinofilm „Erscheinen Pflicht“ gedreht, mit Ihnen in der Rolle eines Lehrers. „Erscheinen Pflicht“ bot einen kritischen Blick auf die DDR-Realität. Nachdem der Streifen auf einem Spielfilmfestival in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) präsentiert und Sie für Ihre Rolle mit einem Festivalpreis bedacht worden waren, wurde staatlicherseits dafür gesorgt, dass „Erscheinen Pflicht“ nur in wenigen Kinos überhaupt zur Aufführung gelangte. So viel Angst vor einem so kleinen Film: Waren Angst und Mißtrauen das eigentliche Grundmotiv der DDR?

Sodann: Angst und Misstrauen bilden das Grundmotiv jeglicher Regierung. Ich bin gerade in Gedanken schon bei Herrn Schäuble…

Zumindest gibt es in der heutigen Bundesrepublik keine Filmzensur und andere, vergleichbare Kontrollmechanismen über den Geist und seine Produkte.

Sodann: Na ja, in dem Maße wie seinerzeit in der DDR nicht. Aber es gibt trotzdem auch heute eine Zensur. Sehen Sie, damals, in der DDR, haben wir Künstler dieses und jenes gewagt und waren danach sozusagen angewiesen auf die Zensur, die in Form irgendwelcher staatlicher Gremien auftrat. Heute habe ich den Eindruck, daß zum Beispiel der Redakteur einer Zeitung seine Zensur schon selbst erledigt. Aus vorauseilendem Gehorsam. Beim Fernsehen ist es ähnlich. Ich habe beim „Tatort“ zum Beispiel scherzhaft gefragt: „Warum muß ich als Kommissar Ehrlicher immer nur Bauingenieure oder Kindesentführer verhaften? Ich möchte eigentlich ganz gerne mal Leute wie Herrn Zumwinkel oder Herrn Ackermann verhaften.“ Da bekam ich dann zur Antwort: „Wo willst du hin? Das geht doch gar nicht!“ Ich verstehe ja noch, daß man einen Präsidenten nicht verhaftet. Aber daß man nicht in die Verbrechen eines Wirtschaftsbosses hineinstoßen oder in politischen Innereien ermitteln können soll… Wir erfahren doch täglich aus den Medien von den Verbrechen von Wirtschaftsbossen, von den krummen Geschäften in Gewerkschaften oder in irgendwelchen anderen Vereinigungen. Jeden Tag erfahren wir irgendetwas. Daß wir es erfahren, dahinter steckt übrigens eine Taktik, wie ich glaube: Es läuft jeden Tag eine neue Geschichte durch, damit die alten Geschichten vergessen werden. Was bei Herrn Zumwinkel war oder was bei Herrn Ackermann, ist schnell wieder vergessen, denn man kann einen solchen Wust von Themen ja gar nicht mehr abhandeln. Wenn man alle Schweinereien, die in der Vergangenheit gelaufen sind, auf einmal betrachten würde, wäre man erschrocken, was es alles gibt. Aber der Journalismus in Deutschland greift entsprechende Dinge nur auf, wenn mal wieder etwas passiert. Danach verläuft sich alles wieder, auch juristisch.

Sie haben eine Biographie, die Sie selbst erlebt haben. Sie haben aber auch eine, die Sie zumindest punktuell nachlesen mußten – in Stasi-Akten, in denen andere Berichte über Sie abgeliefert haben. Mit solchen Verratsplaudereien seines Umfeldes konfrontiert zu werden, ist sicherlich etwas, an dem man lange zu kauen hat. Hat Sie nie die Neugier getrieben, herauszufinden, wer im einzelnen bei der Stasi über Sie ausgepackt hat?

Sodann: Am Anfang ja. In der ersten Zeit der Wende kam ein Freund zu mir und gestand: „Du, ich war auch dabei.“ Ich habe ihn gefragt: „Und, hast du etwas Böses getan?“ Darauf antwortete er: „Eigentlich nicht.“ Ich habe dann gelesen, was er gemacht hat. Als Erwiderung habe ich ihm daraufhin zurückgegeben: „Was du gemacht hast, war scheiße. Du hättest doch zu mir kommen können. Dann hätten wir die Berichte über mich gemeinsam geschrieben.“ Wenn seinerzeit in der DDR Leute zu mir kamen und mir sagten, die Stasi versuche sie als Inoffiziellen Mitarbeiter zu werben, habe ich denen gesagt: „Am besten ist, wenn du deinem Kontaktmann beim nächsten Treffen sagst, du hättest mir alles erzählt. Dann ist es für dich vorbei.“ Denn dann war es für den Betreffenden wirklich vorbei. Er war als IM verbrannt und wurde auch nicht weiter belangt. Ich will das alles nicht verniedlichen. Ich habe ja selbst darunter gelitten. Es geht auch nicht darum, heute einfach „Schwamm drüber“ zu sagen. Aber ich bin auch nicht der Liebe Gott. Und wo Sünde ist, muß auch Vergebung sein. Zudem: Jemand, der damals als kleiner Stasi-Spitzel ertappt wurde, hat bis heute umgerechnet bereits lebenslänglich, während die richtig Großen nie bestraft wurden.

Der DDR-Kabarettist und -Autor Peter Ensikat hat einmal gesagt, er wolle seine Stasi-Opferakte nicht lesen, da das MfS über ihn ohnehin nie mehr wissen konnte als er selbst. Ihnen war es offenbar ein Bedürfnis, Ihre Akte zu lesen?

Sodann: Ich habe nicht alles gelesen. Der Journalist Jens-Uwe Korsowsky, der mit mir zusammen „Keine halben Sachen“ geschrieben hat, hat viel mehr in meinen Akten gelesen als ich. Ich habe mich wie gesagt auch nur anfänglich nach ein paar Namen erkundigt. Sehen Sie, ich habe einmal nachgezählt, von wie vielen IMs, die auf mich angesetzt waren, ich die Klarnamen nicht kenne. Das waren ungefähr 90. Demgegenüber stehen rund 20, deren Namen ich weiß. Ich habe diese 20 nie angerufen oder angesprochen. Ich lasse sie einfach leben. Die müssen doch damit leben, nicht ich.

Diktaturen sind darauf angewiesen, sich Spitzel heranzuziehen…

Sodann: Unter welchen Verhältnissen man damals auch dazu gekommen ist, ein IM zu sein – IMs werden heutzutage wieder genauso gezüchtet wie immer schon. Das ist eine ganz einfache Sache. Nur ein Beispiel: Wir haben Verkehrsregeln, die im Sinne der Verkehrssicherheit und um Schlimmes zu verhüten einzuhalten sind. Übers Radio wird aber permanent angesagt, wo Geschwindigkeitskontrollen stattfinden. Da melden sich dann irgendwelche Dussel von unterwegs und geben eifrig durch: „Auf der Soundso-Straße wird gerade geblitzt!“ Wie Schüler, die dem Lehrer gefallen möchten. So verhalten sich Menschen, die gerne etwas sein wollen. Wer Stasi-IM war, wollte häufig auch gerne etwas sein. Es war ja nicht so, dass die alle gezwungen wurden. Viele haben sich das Los eines IMs freiwillig aufgebürdet.

Sie wirken nicht  a u s  der Zeit, aber immer wieder  n e b e n  der Zeit – und erscheinen hierdurch auf gewisse Weise deplaziert.

Sodann: Meistens, ja.

Ein Beispiel hierfür: Sie waren vor einigen Jahren in der Talkshow „Sabine Christiansen“ zu Gast – und haben sich erdreistet, zum Thema Armut Bertolt Brecht zu zitieren.

Sodann: Man hatte mich mehrmals zu „Sabine Christiansen“ eingeladen, und schließlich habe ich einer der Einladungen Folge geleistet. Ich kam ziemlich zu Beginn der Sendung dran. Christiansen wollte etwas betont positives hören. Da habe ich einfach „Nee“ gesagt. Mich störte dabei auch, daß am Anfang immer ein Thema zur Sendung gegeben wurde – und am Ende wußte keiner, worüber man eigentlich gesprochen hatte. Da war Frau Christiansen schon sauer. Ich habe schließlich gesagt: „In unserer Welt dreht sich doch eigentlich alles nur um ein einziges Thema, und dazu kenne ich ein kleines Gedicht.“ Daraufhin war Sabine Christiansen wiederum begeistert, weil sie dachte: Lyrik hilft. Also habe ich Brecht zitiert: „Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ Danach bin ich während der ganzen Sendung nicht mehr drangekommen. Ich habe noch zwei- oder dreimal versucht, mich ins Gespräch einzuschalten, aber da war nichts mehr. Egal – ich hatte ja meine Aufgabe erfüllt. (lacht) Ich bin dann auch nicht wieder zu „Sabine Christiansen“ gegangen. Ich mußte das nicht mehr als einmal haben. Heute frage ich manchmal bei Lesungen ins Publikum: „Hat Ihre Frau oder Ihr Mann Ihnen eigentlich schon mal gesagt: ,Weißt du, die Christiansen fehlt mir. Schade, daß es die nicht mehr im Fernsehen gibt!’?“ Im Publikum findet sich allerdings nie jemand, dem Sabine Christiansen überhaupt fehlen würde. Darauf frage ich immer: „Warum hat Sabine Christiansen dann eigentlich so viel Geld verdient?“ Frau Christiansen vermißt niemand wirklich – Kommissar Ehrlicher schon.

Die Ausmusterung Ihres „Tatort“-Kommissars Bruno Ehrlicher ist ein weiteres Beispiel dafür, daß die Zeit mit Ihnen auf eine seltsame Art und Weise nicht klarzukommen scheint. Ihr Abschied war, wie es heißt, letztlich die Entscheidung des Senders, nicht Ihre eigene.

Sodann: Das war tatsächlich so. Es war eine Abmusterung. Die wollten, daß ich gehe. Es wurden Altersgründe vorgeschoben, aber das waren nicht die wahren Gründe. Ich sollte ja auch zwischendurch immer schon mal rausgeschmissen werden.

An Ihrer Aufklärungsquote kann das nicht gelegen haben.

Sodann: Wissen Sie, die Geschichte des „Tatort“ ist ja auch eine Geschichte der permanenten Wiederholung von Verhaftungen, bei denen es immer die Gleichen trifft. Ich habe mir den Spaß gemacht, zwischendurch einmal andere Themen vorzuschlagen. Eine Idee damals, aus der ein Thriller hätte werden können: Ein Beerdigungsunternehmer kommt in eine relativ große Stadt und stellt fest, daß das Krematorium zu alt und damit zu schlecht ist. Er schaut sich die Einwohnerzahl der Stadt und ihr Umfeld an und kommt zu dem Schluß, daß er hier gut investieren kann. Er investiert also in großem Maßstab. Das neue Krematorium ist irgendwann fertig – aber in der Zwischenzeit hat eine große Abwanderung aus der Stadt und ihrem Umfeld eingesetzt. Dem Bestatter fehlen schlichtweg Tote, die er verbrennen kann. Er kann seinen Kredit nicht zurückzahlen. Schließlich läuft er nachts durch die Stadt und erschießt alte Leute, um doch noch auf sein Soll an Toten zu kommen.

Böse.

Sodann: Böse, ja. Es gibt in der Realität natürlich keine Entsprechungen. Aber: Man kämpft in ganz Deutschland wirklich um Leichen. Da geben Krankenschwestern an Bestatter durch, daß ein bestimmter Patient bald sterben wird – und bekommen dafür eine Prämie vom Beerdigungsinstitut. Das alles findet in diesem Land statt. Ich finde das furchtbar. Mit dieser Idee und anderen Vorschlägen habe ich signalisieren wollen: Laßt und doch mal nach anderen Themen gucken! Das kam nicht so gut an.

Sind Sie ein Alphatier?

Sodann: Nein, das bin ich nicht unbedingt. Allerdings: Wenn ich mein Leben betrachte, dann hat es oft etwas davon. Wenn ich zum Beispiel an die Zeit der Wende in der DDR denke… Ich habe ja Demonstrationen mitorganisiert. Denn es war wichtig, daß das geschah – und daß es gleich geschah und sich nicht erst so hinschlich. Aber ich habe auch nicht alles mitgemacht. Ich bin zum Beispiel nicht ins Neue Forum gegangen. Ich habe denen gesagt: „Ihr seid mir zu doof. Mit euch ist nischt anzufangen. Ich weiß auch nicht, wo ihr landen werdet.“ Die meisten aus dem Neuen Forum sind später ja in der CDU gelandet. Sie haben eine völlig andere Richtung eingeschlagen. Ich gehörte zu jenen in der DDR, die eigentlich weiter den Sozialismus aufbauen wollten – allerdings nicht so wie bislang verstanden.

Was einem Alphatier schwerfällt: sich mit Halbheiten zufriedengeben.

Sodann: Es gibt in jedem Leben halbe Sachen. Man möchte immer gerne ganze Sachen machen – wird oft aber durch die Umstände daran gehindert, weiter an der Vollendung zu arbeiten. Nehmen Sie nur mein neues theater in Halle, das ich unter Mühen über viele Jahre aufgebaut habe. Irgendwann ist man fertig – und dann wird man rausgeschmissen. Von Verantwortlichen der Stadt, die in ihrem Neid, ihrer Dummheit und Arroganz das alles nicht ertragen können. Was sich da abreagiert, ist das in Deutschland vorherrschende Mittelmaß.

Die meisten, die ins Seniorenalter kommen, haben bis dahin Utopien längst abgeschworen und sehen sie als schädlich an. Sie halten es anders: Sie stehen mittlerweile in Ihren frühen Siebzigern und sagen, daß wir ein Problem haben, wenn wir keine Utopien mehr haben.

Sodann: Wenn ein Volk – egal, ob es ihm gut geht oder schlecht – keine Utopien mehr hat, die die Menschen antreiben, dann stirbt dieses Volk. Wenn ich keine Utopien mehr habe, bin ich tot. Wissen Sie, ich löse jeden Morgen auf der Toilette ein Kreuzworträtsel. Eines, auf dessen Rückseite die Auflösungen stehen, damit ich am Morgen zwei Erfolgserlebnisse habe. Das Kreuzworträtsel ist eine politische Variante, auch wenn es die meisten nicht als solche empfinden: Eines Morgens entdeckte ich in einem Kreuzworträtsel die Vorgabe „Hirngespinst“. In die sechs freien Felder zu dieser Vorgabe mußte ich das Wort „Utopie“ schreiben…

Vielleicht ein Kennzeichen dafür, daß sich Utopien verbraucht haben?

Sodann: Ich glaube an eine andere Gesellschaft. Der Kapitalismus hat eine große Kraft. Aber er ist pervertiert, genauso wie das, was wir früher in der DDR Sozialismus genannt haben. Eine andere Gesellschaft wird nicht morgen kommen. Aber: Den Weg dahin, den muß man gehen. Dann wird man irgendwann auch Licht am Ende des Tunnels sehen.

Was ist in Ihren Augen eine Utopie, die noch Wert und Gültigkeit besitzt?

Sodann: Ich sehe mich als einen betenden Kommunisten. Die größte Utopie ist das Christentum. Und diese Utopie besteht fort. Sie braucht eben bloß inzwischen schon 2000 Jahre. Das Christentum – und hierin gleicht es dem Sozialismus – ist in dem Sinne nicht, sondern will, daß es erst noch gemacht wird. Ich träume manchmal davon, daß der Papst öffentlich verkündet: „Ich habe heute nacht mit Gott gesprochen, und er hat mir gesagt: Solange die Menschen Dinge bauen, mit denen man andere Menschen umbringt, so lange wird es alles nichts mit euch. Dem, der solche Dinge herstellt, soll die Hand verfaulen.“ Irgendeiner muß es doch mal sagen. Warum sagt der Papst es nicht? Es ist doch ein ganz einfacher Gedanke.

Interview: André Hagel

Peter Sodanns Erinnerungen „Keine halben Sachen“ liegen als Taschenbuch vor (Ullstein, 240 Seiten).