17. Juni 2010 

FERNSEHEN
Nachrichten vom Nachrichtensender
N24 ist verkauft – und Stefan Aust freut sich über neue Arbeit

Der Handel ist unter Dach und Fach: Gestern haben die Sendergruppe ProSiebenSat.1 und die neugegründete N24 Media GmbH einen Kaufvertrag für den Nachrichtensender N24 unterzeichnet. Dieser geht damit an ein Konsortium um den Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust. Chef der neuen N24 Media GmbH ist allerdings nicht Aust selbst, sondern der bisherige N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann. Stefan Aust wird als Geschäftsführer für das „News Business“ verantwortlich zeichnen, wie es in Meldungen zum Senderverkauf hieß.

Die neue Gesellschaft wird künftig die Nachrichten für die Privatfernsehsender Pro Sieben, Sat.1 sowie Kabel eins liefern. Der Vertrag ist bis 2016 ausgelegt. ass

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2. Juni 2010

OPFER-OUTING 
„Ohne jede Nachfrage“
Pädophilie und Terrorismus: Wie genau nimmt es Jutta Ditfurth mit der Wahrheit?


Wenn es um sie selbst geht, reagiert Jutta Ditfurth gerne empfindlich. Äußert sie sich über andere, sitzt dagegen die Zunge schon mal locker. Jetzt hat Bettina Röhl, Tochter Ulrike Meinhofs und Klaus Rainer Röhls, im Spiegel vermeintlichen Enthüllungen Ditfurths widersprochen.


Spätestens seit ihrer vor zwei Jahren erschienenen Biographie über Ulrike Meinhof sieht sich Jutta Ditfurth offenbar als Hüterin der Frühgeschichte der Rote-Armee-Fraktion. Jetzt hat sich die ehemalige Grünen-Bundesvorsitzende, die als Radikallinke einst im Groll aus ihrer Partei schied, allerdings mächtig in die Nesseln gesetzt: Die Publizistin Bettina Röhl, Tochter Ulrike Meinhofs und des früheren konkret-Verlegers Klaus Rainer Röhl, hat im Spiegel schwere Vorwürfe gegen die Biographin ihrer Mutter erhoben. Ditfurth, so Röhl, habe sie mit falschen Behauptungen „halb als pädophiles Mißbrauchsopfer geoutet“.

Angefangen hatte alles vor einigen Wochen mit Äußerungen Anja Röhls im Stern. Die Halbschwester Bettina Röhls hatte sich in der Illustrierten als Opfer sexueller Übergriffe Klaus Rainer Röhls bezeichnet. Dabei hatte Anja Röhl entsprechende Vergehen ihres Vaters auch an Bettina Röhl ins Spiel gebracht.

„Bis sie weinten“

Auftritt Jutta Ditfurth. Die Meinhof-Biographin – für ihre vehemente Selbstüberzeugtheit ebenso bekannt wie von dem Bestreben beseelt, die Geschichte der terroristischen RAF umzuschreiben – trat nun ihrerseits mit flankierenden „Enthüllungen“ an die Öffentlichkeit. Bettina Röhl und ihre Zwillingsschwester Regine, holte Ditfurth aus, seien als Kleinkinder von Klaus Rainer Röhl latenten sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen. Aus diesem Grund habe die zu jener Zeit bereits in den Untergrund abgetauchte Ulrike Meinhof 1970 ihre beiden Töchter in ein Barackenlager in Italien verschleppen lassen. In der taz führte Ditfurth hierzu aus: „Röhl (gemeint ist Klaus Rainer Röhl, die Redaktion) sexualisierte die Kleinen früh, war mal der witzige Vater, dann tat er ihnen weh. Er ließ sie als Kleinkinder zuschauen, wenn er mit seinen erwachsenen Freundinnen schlief. (…) Er gab damit an, daß er seine ältere Tochter Anja entjungfern wollte.“ Ulrike Meinhof, so Ditfurth weiter, sei eingeschritten, „wenn er die kleinen Mädchen in die Oberschenkel zwickte oder sie schlug, bis sie weinten.“

Verbreitet Jutta Ditfurth – hier ausnahmsweise mal nicht ideologisch verbissen, sondern ganz entspannt – Täterversionen aus der Frühzeit der terroristischen RAF? Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl jedenfalls hat jetzt Behauptungen der radikallinken Publizistin öffentlich widersprochen. Foto: André Hagel

Im Spiegel hat sich Bettina Röhl gegen dieses Opfer-Outing durch Jutta Ditfurth verwahrt. Ditfurths Behauptungen, stellt sie fest, seien falsch: „Es hat bis 1970 keinen einzigen, wie auch immer gearteten sexuell motivierten Übergriff von Klaus Röhl auf meine Person gegeben. Ich wurde nie geschlagen, und ich sah in meinem Leben bei keinem Beischlaf Klaus Röhls mit irgendeiner Frau zu. Mein Vater hat nie zu mir gesagt, daß er meine Halbschwester Anja Röhl entjungfern wolle.“

„Ditfurth verbreitet Täterversionen“

Besonders empören die heute 47jährige Publizistin die Behauptungen Jutta Ditfurths, die Verschleppung der beiden Röhl-Zwillinge 1970 sei aufgrund sexueller Übergriffe des Vaters erfolgt. Ebenso entbehre die Behauptung, es habe keine ernsthaften Pläne für eine Verbringung der beiden Kinder in ein palästinensisches Waisenlager gegeben, jeglicher Grundlage: „Meine Schwester und ich sollten 1970, als Meinhof in den Untergrund ging, auch nicht zu einer gewissen Wienke Zitzlaff, der Schwester von Meinhof, um bei dieser zu leben“, schreibt Bettina Röhl in ihrer Ditfurth-Replik im Spiegel. Die Rolle Zitzlaffs in dem mit Mitteln der Konspiration und des Untergrunds betriebenen „Sorgerechtsstreit“ war laut Röhl keineswegs die der „fürsorglichen Tante“. Vielmehr sei die Schwester Ulrike Meinhofs „ein von den Akteuren eingeplanter Teil der ganzen Verschleppungsaktion“ gewesen. „Um es klar zu sagen: Ditfurth verbreitet die uralten Täterversionen. Und natürlich wollen die Täter mit ihrer miesen Kinderverschleppung heute nichts mehr zu tun haben“, rechnet Outing-Opfer Röhl mit Jutta Ditfurth ab.

„Gegen meinen Willen“

Für Ditfurth, die auf ihrer Website für ein von ihr initiiertes Ulrike-Meinhof-Archiv zu Spenden aufruft, ist die öffentliche Entgegnung Bettina Röhls alles andere als schmeichelhaft. Die so streitbare wie streitlustige Autorin erscheint durch die Klarstellung Röhls als durchaus fragwürdige Historikerin der Jahre 1968ff. und der RAF-Frühzeit. Ditfurth, die immer wieder auf ihre akribische Recherchearbeit mit entsprechend opulenten Quellenapparaten verweist und in Gesprächen an anderen Biographen Ulrike Meinhofs kein gutes Haar läßt, sieht sich nun mit dem Umstand konfrontiert, daß eine von ihr ins Feld geführte Betroffene der von ihr verbreiteten Version öffentlich widerspricht – und darüber hinaus feststellt, „ohne jede Nachfrage und gegen meinen Willen“ geoutet worden zu sein.

Jutta Ditfurth zeigt sich, wenn es um sie selbst geht, gerne empfindlich, schwingt auch bei geringsten Anlässen schnell die presserechtliche Keule gegenüber Medienvertretern, die mit ihr zu tun haben. Auf Ditfurths eigenen Umgang mit der Wahrheit und den Regeln publizistischen Anstands wirft der Widerspruch Bettina Röhls ein bezeichnendes Licht. hag

Bettina Röhl im Internet: www.bettinaroehl.blogs.com und www.bettinaroehl.de
Jutta Ditfurth im Internet: www.jutta-ditfurth.de