27. März 2012

INTERVIEW 
„Zukunft ist mir zu vage“
Von kleinen Hoffnungen, alten Freunden und Widersprüchen im System: Ein Interview mit Hannes Wader


Zusammen mit Reinhard Mey und Konstantin Wecker bildet er sozusagen die Troika deutscher Liedermacherkunst: Seit inzwischen über 40 Jahren ist Hannes Wader eine musikalische Größe, mit der man rechnen muß. Im Gespräch mit Wader erfuhr KulturKombinat, daß der Erzbarde sich noch nicht so alt fühlt, daß sich bei ihm alles in Altersheiterkeit auflösen könnte. 


Die Leute wollen mich pur“, sagt Hannes Wader. Dennoch würde er auf der Bühne gerne etwas an Arbeit abgeben. Foto: Andreas Reiner


Sie geben während laufender Tourneen ungern Interviews. Warum? 

Hannes Wader: Auf Tournee bin ich eigentlich immer auf Disposition orientiert. Ich will für den Auftritt fit sein. Alles, was nicht direkt damit zu tun hat, ist da nur störend. Manchmal fragen mich Leute in Städten, in denen ich auftrete: „Was haben Sie sich denn heute in unserer schönen Stadt so alles angeguckt?“ Ich muß dann leider immer sagen: „Ihre schöne Stadt interessiert mich momentan überhaupt nicht.“ Ich komme an, gehe ins Hotelzimmer, schließe mich ein – und abends gehe ich auf die Bühne. Da kann eine Stadt noch so schön sein.

Das klingt ein bißchen nach Graf Dracula: Am Abend springt plötzlich der Sargdeckel auf, und er ist da. 

Wader: Genau! (lacht) 

Sie nehmen Ihre Songs im Ensemble mit anderen Musikern auf. Auf der Bühne sind Sie allerdings, ähnlich wie übrigens Reinhard Mey, mit der Arbeit allein. Von der Band zum Solokünstler: Ist das eine Spannung, die Sie nicht aufgeben mögen?

Wader:Ich würde gerne auf der Bühne mit Begleitmusikern auftreten und ein bißchen an Arbeit abgeben. Daß ich solo toure, hat unter anderem einfach finanzielle Gründe: Ich kann mir für meine Tourneen keine Band leisten. Hinzu kommt die Tatsache, daß mein Publikum eine Band oder ein Sinfonieorchester im Bühnenhintergrund überhaupt nicht vermißt. Die Leute, die meine Konzerte besuchen, wollen mich pur, so wie sie Reinhard Mey pur wollen.

Der Liedermacher Hannes Wader ist immer auch ein politischer Mensch gewesen. Was hat Sie, wenn man das so nennen möchte, politisch sensibilisiert?

Wader: Politisch sensibel gewesen bin ich nie. Es ist eher so, daß ich einem äußeren und inneren Druck nachgegeben habe. Dieser Druck hat zu einer politischen Positionierung geführt.

Wie sah dieser Druck aus?

Wader: Man konnte sich in den 60er Jahren nicht einfach auf die Bühne stellen und irgendwelche Lieder trällern. Es mußte einen ganz tiefen, weltverändernden Grund haben. So lautete zumindest damals die allgemeine Forderung. Ich habe mich lange gewehrt, dann aber schließlich dieser Forderung ergeben.
Das bedeutet nicht, daß mich Politik nicht interessiert hätte. Aber ich habe Politik nie begriffen. Ich bin in diesem Sinne kein politischer Kopf. Ich habe eine Meinung zu Ereignissen, wenn ich sie mitbekomme, und diese Ereignisse lösen etwas in mir aus. Das gehört für mich einfach zum Leben, wie Essen und Trinken. Denn Politik, die von außen gemacht wird, hat ja Auswirkungen auf einen selbst. Brecht sagt, der Künstler solle seine Erfahrungen mitteilen. Also macht man das. Aber all das ist nur ein Teil des Daseins und des Lebens. So habe ich es jedenfalls ganz früher gesehen, und ich sehe es heute wieder so.
Zwischenzeitlich war das anders: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, selbst so wenig an der Verbesserung der Welt mitzuwirken, so asozial vor mich hin zu singen. Unter diesem inneren Druck habe ich mich schließlich politisch engagiert. Das war auch in Ordnung, solange ich es gemacht habe, und es ist auch in Ordnung, wenn ich es jetzt manchmal noch tue. Aber wir wollen das mal nicht überschätzen.

In Ihrer Familie hat über Generationen eine starke sozialdemokratische Tradition geherrscht. Sie haben diese Tradition in Ihrem Song „Familienerbe“ besungen, dabei aber in Bezug auf die SPD festgestellt, daß diese für Sie als politische Heimat nie zur Debatte gestanden habe. Was hielt Sie auf Abstand?

Wader: Verschiedene, ganz persönliche Dinge. Mein Vater zum Beispiel war als Sozialdemokrat stark in der Kommunalpolitik engagiert. Zu Hause hieß es: „Der geht immer zur Versammlung, aber ernährt die Familie nicht richtig.“ Das habe ich, jetzt vergröbert gesagt, lange mit sozialdemokratischer Politik verbunden: daß einer zu Versammlungen geht und die Familie nicht ernährt.
Später, mit dem erwachenden politischen Zwangsinteresse, wie ich es jetzt mal nennen möchte – dem Interesse, welches ich an den Ereignissen nehmen mußte –, war mir das Sozialdemokratische immer zu schlapp. Als ich mich mit den politischen Hintergründen und der Geschichte der SPD beschäftigte, merkte ich: Die Sozialdemokraten haben in entscheidenden Augenblicken ihrer Geschichte immer den Schwanz eingezogen. Deshalb bin ich später Kommunist geworden. 

Sie sind 1977 der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) beigetreten. 1991 erfolgte Ihr Austritt. Was ist danach von Ihren politischen Überzeugungen geblieben? Was gibt man bei einem solchen Schritt hinaus wieder ab? 

Wader: Meine politischen Überzeugungen habe ich weitgehend beibehalten. Aber ich habe die Lust verloren, mich parteipolitisch zu binden und zu engagieren. 
Die Widersprüche im System des sogenannten real existierenden Sozialismus habe ich bereits vor der Wende gesehen. Ich war ein paarmal in der Sowjetunion und habe dort für mich persönlich schlimme Dinge erlebt. Ich habe mich deswegen schon vor der Wende aus dem Parteiengagement zurückgezogen. Das fiel aber gar nicht auf, weil seinerzeit die DKP durch Gorbatschows Glasnost und Perestroika irrsinnige Turbulenzen durchmachte. An politische Arbeit war ja am Ende gar nicht mehr zu denken. Es wurde nur noch intern diskutiert, ob Gorbatschow ein Konterrevolutionär sei oder der neue Jesus. Ich habe plötzlich gemerkt, daß mich all das überhaupt nicht mehr interessierte.
Ich habe damals die Widersprüche, die ich schon bei meinen Besuchen auch in der DDR gesehen hatte, umso stärker empfunden. Bis dato hatte ich immer gedacht: Das ist eben so, der Sozialismus ist ja noch im Werden, die müssen sich ja auch gegen den Kapitalismus zur Wehr setzen und und und. Aber es hat schließlich nicht mehr standgehalten. 
Ich verdanke natürlich meiner Zeit in der DKP sehr viel. Deswegen habe ich mich nie als Renegat in die vorderste Linie der Kommunistenhasser begeben.

Der Schauspieler Peter Sodann hat vor einiger Zeit in einem Interview geäußert: „Es hat keinen Sinn, immer über politische Dinge zu streiten. Ich versuche mich da lieber in Heiterkeit. In meinem Alter muß man so weit sein, die Wahrheit sagen, aber auch ganz laut über die herrschende Dummheit lachen zu können.“ Bringen Sie mittlerweile ein ähnliches Maß an Altersheiterkeit auf – oder pflegen Sie bei der Betrachtung nicht zuletzt der herrschenden Politik doch eher noch Zorn?

Wader: Ich bin noch nicht so alt, daß sich bei mir alles in Altersheiterkeit auflösen könnte. Ich kann eine solche Haltung aber gut verstehen und würde sie selbst sogar anstreben wollen. Sodann mischt sich ja trotz aller gepflegten Heiterkeit immer noch ein. Er lehnt sich nicht einfach weise lächelnd zurück. Wenn man Engagement mit einer solchen heiteren Haltung mischt, dann ist das in Ordnung. Besonders wenn man bereits ein bißchen älter ist. (lacht) Also, ich versuche es ebenfalls in dieser Richtung. Mit dem Unterschied zu Sodann, daß ich mich eben nicht mehr für eine bestimmte Partei engagiere. 

Gerhard Schröder war als Bundeskanzler bestrebt, sich mit Künstlern zu umgeben oder sie zu Gesprächen einzuladen. Von Angela Merkel ist nichts solches bekannt. Würden Sie einer entsprechenden Einladung der Kanzlerin Folge leisten? Oder wäre so etwas zu viel der Nähe? 

Wader: Im Falle Merkels wäre mir das tatsächlich zu viel an Nähe.
Ich bin Gerhard Schröder mehrfach begegnet, als er noch Kanzler war. Aber ich habe diese Begegnungen nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben. In Hannover etwa, daran kann ich mich erinnern, wurde ein linker SPD-Mann, ein Freund von mir, geehrt. Bei der Gelegenheit ließ sich auch Kanzler Schröder blicken. Ihn dort zu treffen, ließ sich somit nicht vermeiden.
Schröder hat sich immer als Wader-Fan dargestellt. Ähnlich ist es mir mit anderen sozialdemokratischen oder ex-sozialdemokratischen Politikern ergangen, wie zum Beispiel mit Björn Engholm oder Oskar Lafontaine. Die haben alle nach eigener Aussage in irgendeiner Weise etwas mit mir am Hut gehabt. Es war einfach eine Generationsfrage: Als ich Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre bekannt wurde, waren die alle im Juso-Alter. Heute ist das, glaube ich, vorbei. 

Dafür haben die alten Junglinken später einen der ihren, Sigmar Gabriel, zum Beauftragten der SPD für Popkultur und Popdiskurs gemacht. Von 2003 bis 2005 war Gabriel Siggi Pop… 

Wader: Gabriel hat in seinen jungen Jahren in Braunschweig Hannes-Wader-Konzerte veranstaltet. Wir kennen uns aus dieser Zeit. Er war damals ein ganz umgänglicher Typ. Ich kann mich noch gut an die Sachen erinnern, die er organisiert hat. Jetzt ist er eben Politiker. Und wer weiß, vielleicht wird er eines Tages ja sogar mal Kanzler. Aber damit endet die Geschichte auch, was mich persönlich betrifft. 


Eine Einladung von Angela Merkel wäre ihm zuviel an Nähe: Hannes Wader hält                                   lieber Distanz zur Macht. Foto: Axel Schulten


U2-Sänger Bono sucht immer wieder die Nähe zu Politikern wie Clinton, Bush oder Blair, um für politische Ziele wie eine Entschuldung von Entwicklungsländern zu werben. Erzeugt dies letztlich nicht – bei allen edlen Zielen – eine problematische Nähe zur Macht? 

Wader: Selbstverständlich hat man es hier zum Beispiel mit der Gefahr einer Vereinnahmung seitens der Politik zu tun. Das ist nicht unproblematisch. Möglich ist aber immer auch, daß manche Künstler ein solches Geschick im Umgang mit der Macht besitzen, daß sie dem nicht erliegen. Ich möchte doch annehmen, dass sie immer noch etwas Gutes bewirken können und nicht bloß in den Sog der Macht geraten.
Für mich selbst könnte ich, was das angeht, nicht die Hand ins Feuer legen. Ich habe zwar einerseits eine Abneigung gegen die politische Klasse. Anderseits hege ich aber ebenso ein Mißtrauen gegen mich selbst. 

Wieso mißtrauen Sie sich selbst?

Wader: Ich will auch geliebt werden. Deshalb stehe ich auf der Bühne. Deswegen habe ich Lieder geschrieben. Früher, um Mädels ins Bett zu kriegen – und heute, damit mich die Leute mögen. 
Dahingehend darf kein Künstler sich selbst etwas vormachen: Man ist verführbar. Schon alleine aus diesem Grund meide ich einen solchen Kontakt zur Macht. 

Gibt es das für Sie noch: ein großes politisches Ziel, eine große politische Hoffnung?

 
Wader: Nein, große Hoffnungen nicht. Es gibt kleine Hoffnungen. Ich denke hierbei an Winzigkeiten – manchmal nicht einmal politische Winzigkeiten –, die mich ergreifen. Ergriffen hat mich beispielsweise die Entschuldigung des australischen Premierministers gegenüber den Aborigines, für die Grausamkeiten und den Genozid, der an diesen verübt wurde. So etwas finde ich im positiven Sinne unerhört. Oder daß in der Türkei überlegt wird, den Genozid an den Armeniern zumindest untersuchen zu wollen. Das sind für mich Dinge, die Hoffnung machen. Ein anderes Beispiel: Es ist in einer deutschen Stadt – ich meine, es sei Köln – ein offizielles Denkmal für Deserteure der beiden Weltkriege in Auftrag gegeben worden. Das haut mich um. Verstehen Sie: Das ist nicht der Weltfrieden – aber es ist ein gutes Zeichen.
Mir bereiten solche kleinen Dinge Hoffnung. Das hat auch wesentlich damit zu tun, daß ich keine Hoffnungen mehr in weltpolitische Dinge setze. Auch nicht in einen Barack Obama, dem es letzten Endes doch auch wieder nur darum geht, immer mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, statt die GIs abzuziehen.

Es gibt in Ihrem Leben Kollegen, die mehr als bloß dies sind, die zu Freunden wurden. Reinhard Mey gehört dazu. Was schätzen Sie an Mey?

Wader: Ich schätze ihn einfach. Und wir beide wissen, daß der eine dem anderen sehr viel bedeutet.

Sind Sie beide Brüder im Geiste?

Wader: Ich bin in vielem sperriger als Reinhard. Er war von vornherein jemand, den alle mögen mussten. Ich war nicht so jemand.
Bei Reinhard und mir ist es so, daß wir uns in dem entscheidenden Moment unseres Lebens begegnet sind. Es kam in unserem Fall einiges zusammen: Wir sind gleichaltrig; Reinhard ist ein halbes Jahr jünger als ich. Wir haben uns auf der Burg Waldeck kennengelernt, jenem Zentrum der ersten großen Liedermachertreffen in den 60er Jahren. Es hat von Anfang an eine große beiderseitige Sympathie geherrscht, weil wir uns in vielem ähnelten, etwa in der Art, wie wir Lieder auffaßten. Eines Tages kam Reinhard dann zu mir und sagte: „Hannes, ich könnte eine Tournee machen. Willste nicht mitkommen? Ich habe ungefähr zehn Lieder, du hast zehn Lieder – das ergibt ein Programm.“ Wir standen beide damals noch am Anfang. Reinhard wollte Betriebswirtschaft studieren, ich wollte Grafiker werden. Wir sind also zusammen auf Tournee gegangen. Es war eine wunderbare Reise, in Reinhards himmelblauem VW, von dem Reinhard behauptet, er sei grau gewesen. Welche Farbe es wirklich war, wissen wir beide heute nicht mehr. (lacht) Das war so klasse, daß wir hinterher wußten: Das wollen wir machen, und nichts anderes.

Auf Ihrem Album„Neue Bekannte“ findet sich der französischsprachige Song „Recontre“, der auf eine etwas eigentümliche musikalische Kooperation Hannes Wader-Reinhard Mey zurückgeht.

Wader: Ende der 60er Jahre wohnte ich wie Reinhard in West-Berlin. Eines Morgens, es war gegen halb zehn und somit für unsereins mitten in der Nacht, klingelte er mich aus dem Bett und forderte mich auf, mein Lied „Begegnung“ auf ein Vier-Spur-Tonbandgerät zu singen, welches er eigens mitgebracht hatte. Reinhard hat dann diesen Song für sich ins Französische übersetzt.
Ich hatte nach rund 40 Jahren einfach Lust, das Lied in Reinhards Version aufzunehmen. Es war ein nostalgisches Vergnügen, das ich mir gegönnt habe. Denn es versetzt mich in die Zeit zurück, die ich gerade beschrieben habe – in die Zeit unserer Anfänge.

Einem Endsechziger sind Rückblicke erlaubt: Was war die größte Erfüllung Ihres bisherigen Lebens?

Wader: Ich kann solche Fragen nicht beantworten, denn ich denke nicht in diesen Kategorien. Mit Enttäuschungen ist es genauso. Jedes Mal, wenn ich eine Enttäuschung erlebe, ist es die größte.

In einem Ihrer Lieder schreiben Sie: „Vielleicht sind wir Menschen nur dazu geboren, um ruhelos zu suchen, bis zum Schluß.“ Was suchen Sie noch?

Wader: (denkt nach) Schwer zu sagen. Heinrich von Kleist hat immer nach äußersten Gefühlen gesucht und etwa an seine Freundin geschrieben, daß er mit dem Kopf gegen die Wand hauen müsse, weil es in ihm drin so leer sei. So geht es mir nicht, zum Glück. Ich bin nicht Kleist, und ich fühle mich im Kopf auch nicht leer. Höchstens, wenn Sie mir diese Frage stellen. (lacht)
Aber natürlich suche auch ich etwas, irgendetwas Dunkles. Vielleicht die eigene Identität, immer noch? (lacht) Zumindest wenn es mal wieder an der Zeit ist, daß ich Lieder für ein neues Album schreiben muß, dann suche ich natürlich sehr intensiv. Nach Klischees, nach Themen, nach Reimen, nach Ausdruck. Aber das ist Ihnen jetzt wahrscheinlich zu konkret, oder? (lacht)

Ich kann mit der Antwort gut leben. Das hört sich jetzt allerdings für mich so an, als seien Sie prinzipiell weniger ein Mensch, der etwas sucht, sondern vielmehr einer, dem irgendetwas zufällt?

Wader: Nun ja, da kann man natürlich manchmal lange warten, bis einem etwas zufällt. (lacht)

Wenn man Ihren Liedern glaubt, sind Sie ausgesprochen zukunftsscheu. Woran liegt das?

Wader: (denkt nach) Zukunftsscheu bin ich eigentlich nicht. Ich denke schon manchmal über die Zukunft nach. Allerdings nicht intensiv. Zukunft, das ist etwas Esoterisches. Kein Mensch weiß doch, was gleich oder in fünf Minuten passiert. Von daher ist das gar nicht wert, daß man sich eingehend damit befaßt. 
Gut, der Mensch ist anders als das Tier in der Lage, zu planen und diese Pläne vielleicht zu verwirklichen. Das mache ich auch. Andererseits: Ich bin inzwischen offiziell Rentner. Und ich muß sagen: Hätte ich seinerzeit besser vorgesorgt, hätte ich jetzt eine bessere Rente. Hätte ich also nur etwas konkreter an die Zukunft gedacht! (lacht) Das ist das einzige, weswegen ich bedaure, mich mit Zukunftsfragen so wenig aufzuhalten.
Zukunft… (denkt nach) Als Kommunist hatte ich natürlich eine Zukunftsvision. Man will den Kapitalismus abschaffen, im Austausch gegen eine bessere Zukunft. Aber das ist doch auch alles ganz schön vage.

Interview: André Hagel


Hannes Wader auf Tournee: 

16. Juni: Frankfurt-Höchst, Sommernacht am Alten Schloß (Open Air) 
17. Juli: Rudolstadt, TFF (Open Air)

___________________________________________________________________________

16. Juli 2010

POP

Schöner wird's nicht mehr
Warum man über das Ende von a-ha durchaus traurig sein kann

Von André Hagel

Die norwegische Band a-ha hat für dieses Jahr das Ende des gemeinsamen musikalischen Schaffens angekündigt und befindet sich zur Zeit auf Abschieds-Welttournee. Eine kurze Würdigung einer respektablen musikalischen Karriere


So jung, und schon auf dem Weg in die Rente: Die norwegischen Erfolgs-Popper a-ha wollen 2010 als Band von der Bühne treten. Foto: Stian Andersen/www.a-ha.com

Wir haben uns längst daran gewöhnt, daß Boygroups kommen und gehen. Die musikalischen Formationen, die gemeinhin mehr durch ihr auf apart getrimmtes Äußeres als durch ihr Gesangsvermögen pubertierende weibliche Mitmenschen in hormonelle Rotation versetzen, sind Kunstprodukte mit relativ kurzer Haltbarkeit. Man muß in ihnen kein Phänomen auf Dauer erwarten. Sie schreiben auch keine Soundtracks für Generationen. Sie sorgen für ein kurzes Sprühen in den Hirnen und Herzen der Fans, für ein freudiges Klingeln in den Kassen der Plattenfirmen – und sind dann meist so schnell wieder vergessen, wie sie verschwunden sind. Boygroups sind so gesehen – wie ihre weiblichen musikalischen Pendants auch – die billigsten Handlanger der Musikindustrie. Einer Industrie, die sich auf einer immer verzweifelteren Kaperfahrt nach Sensationen fürs jugendliche Massenpublikum befindet. Die seit einiger Zeit nur mehr zusammengecasteten Gruppen halten ein paar Teenies bei der Stange, so lange der geistige Dämmerzustand der Pubertät andauert. Danach warten andere, neue Handlanger auf die jungen Konsumenten, um sie in ihren nächsten Lebensabschnitt zu begleiten.

Als die norwegische Band a-ha in den 1980er Jahren antrat, war auch sie strenggenommen nicht viel mehr als eine beliebige Boygroup, wenngleich zumindest zwei von drei Mitgliedern ein Instrument bedienten. Ihren Durchbruch verdankten a-ha im wesentlichen dem Musikfernsehsender MTV, der das mit einer Kombination aus Animations- und Realbildern technisch innovative Video zu ihrer Single „Take On Me“ 1985 in seine Rotation aufnahm. Der musikalische Erfolg von Sänger Morten Harket, Gitarrist Pål Waaktaar-Savoy und Keyboarder Magne Furuholmen – erst im dritten Anlauf gelungen – setzte sich mit „The Sun Always Shines On T.V.“ fort, einem Song mit ähnlich seichtem Strickmuster wie „Take On Me“, so luftig und leicht und süßlich, dass er im Handumdrehen beim weiblichen Publikum für kollektives Polkappenschmelzen sorgte.

„Ultimatives Abenteuermärchen gelebt“

Wäre danach alles in selber oder zumindest ähnlicher Weise weitergelaufen, die Meldung, die am 15. Oktober vergangenen Jahres auf der Website www.a-ha.com lief, wäre keiner weiteren Notiz wert gewesen: Harket, Waaktaar-Savoy und Furuholmen kündigten auf ihrer Internetseite das Ende der Band an. a-ha würden, hieß es in der Erklärung weiter, nach ihrem Album „Foot Of The Mountain“ kein weiteres mehr veröffentlichen. Nach der Abschiedstournee solle 2010 Schluss sein. Und: „Wir haben im wörtlichen Sinne das ultimative Abenteuermärchen für Jungen gelebt. Länger, als irgendjemand dies hätte erhoffen können.“ Was man auch so übersetzen könnte: Wenn es am schönsten ist, soll man gehen. a-ha finden offenbar, dass es schöner als jetzt nicht mehr werden kann.

Wie gesagt, wäre es nach den ersten erfolgreichen Schritten von a-ha weitergegangen wie gehabt, man hätte die Ruhestandsankündigung der drei Norweger im vergangenen Jahr genauso ad acta legen können wie die ungefähr zur selben Zeit gelaufene Meldung über den Tod eines Mitgliedes von Boyzone auf Mallorca. Über das Ende von a-ha allerdings darf man durchaus traurig sein. Weil diese Band es verstanden hat, sich bereits mit ihrem zweiten Album „Scoundrel Days“ von 1986 aus dem Morast des Teenie-Pop zu erheben. Weil a-ha über viele Jahre Pop mit Niveau zelebriert haben. Weil sie selbst dann, wenn sie zum Schmalz tendierten, nie in die Abgründe des Flachsinns hinabstiegen. Sicher, Harket & Co. haben nie die Maßstäbe des Genres verschoben. Experimentell waren sie nie. Große Risiken sind sie nie eingegangen. Vielleicht, weil jemand, der zweimal scheitert, bevor er den Erfolg für seine Arbeit einfahren kann, vorsichtiger ist als jemand, dem das Glück bereits an der Startlinie zufliegt. Vielleicht auch, weil Norweger an sich wenig dazu neigen, den großen Sprung über die eigenen Grenzen zu wagen. Geschenkt. a-ha lieferten verlässlich Qualität. Songs, die auf mehr als lediglich auf die berüchtigte Durchhörbarkeit angelegt waren. Für eine Band, die in einem musikalisch weichgespülten Jahrzehnt mit Weichspülermusik zur Anfütterung des Publikums antrat, ein durchaus respektabler Karriereverlauf.

Abschiedskonzerte in Deutschland:

● 18. Juli: Salem, Schloß Salem
● 23. Juli: Emmendingen, Schloßplatz
● 24. Juli: Halle/Westfalen, Gerry-Weber-Stadion
● 25. Juli: Dresden, Filmnächte am Elbufer